22. April 2013

Das Social Media-Dilemma der BBC

Dieter Poschmann / pixelio.de

Dieter Poschmann / pixelio.de

Ein Song von 1939 bringt die BBC und andere britische Rundfunkstationen in ein Dilemma. Was kann man daraus für die Social Media Kommunikation lernen?

Ding dong! The witch is dead“ ist ein Kinderlied aus dem Film „The Wizard of Oz“ (Der Zauberer von Oz) mit Judy Garland aus dem Jahr 1939, das es im April 2013 bis auf Platz 2 der britischen Charts geschafft hat. Warum ist dieser Song auf einmal so populär?

Strategische Planung in Social Media

Die Chartplatzierung ist das Ergebnis von strategischer Planung in Social Media. Die Facebook-Gruppe „Make ‚Ding dong the witch is dead‘ number 1 the week Thatcher dies“ wurde bereits 2007 gegründet und hat derzeit über 11.000 Mitglieder. Ihr gesetztes Ziel hat sie nicht ganz erreicht, aber fast: Der Song hat am 14. April 2013 Nummer 2 in den britischen Charts belegt – in den itunes-Charts ist er sogar auf Platz 1 gestiegen. Und natürlich gibt es schon etliche Mashups – hier eine Rockversion mit klarem Bezug zu Margaret Thatcher.

Die hohe Chartplatzierung des Songs hat die BBC und andere britische Rundfunk- und Fernsehsender in ein Dilemma gestürzt. Denn einerseits ist „Ding dong! The witch is dead“ ein harmloser, unverfänglicher Song. Andererseits ist klar, wer mit der „Hexe“ in diesem Falle gemeint ist. Der Kontext des Todes von Margaret Thatcher stellt die Sender vor die Entscheidung, entweder den Song zu spielen und damit auf diese wenig subtile Ausprägung britischen Humors (man könnte es auch schlicht für eine Geschmacklosigkeit halten) einzugehen. Oder sie spielen „Ding dong! The witch is dead“ nicht, setzen sich damit aber dem Vorwurf der Zensur aus, denn die Charts sind ja Ausdruck dessen, was die Mehrheit der Britinnen und Briten hören möchte.

Das Dilemma in schönstem britischen Englisch zusammengefasst vom BBC-Frühstücksfernsehen: http://goo.gl/1gByt.

Demokratische Entscheidung gegen Pietät

Auch wenn Margaret Thatcher dieser Spott nicht mehr stören dürfte – ihre Hinterbliebenen schon. Die Balance zwischen der Mehrheitsmeinung und individuellen Rechten müssen in einer Demokratie eben immer wieder neu ausgehandelt werden, gerade wenn es sich um so subjektive Werte wie Pietät oder Würde handelt.

Die Lehre für Social-Media-Kommunikation

Was an dem ganzen Vorgang erstaunt, ist aber nicht so sehr der entstandene Zwiespalt, sondern welchen populären Einfluss Social Media-Kampagnen inzwischen außerhalb ihres Wirkungskreises haben können. Nämlich bis hin zu Hitparaden, Radiosendungen und politische Debatten. Was ich bemerkenswert finde, ist die Zahl der Gruppenmitglieder: Nur 11.000 motivierte Gruppenmitglieder können eine Hitparade verändern. D.h. wenn die Motivation entsprechend ist, können auch relativ wenige Facebook-Mitglieder außerhalb des Internets etwas bewirken. An diesem Beispiel hat sich auch gezeigt, dass sich sehr wohl über Social Media langfristige Ziele kommunizieren lassen. Denn in den Dimensionen von Social Media sind sechs Jahre eine Ewigkeit.

Aktuell geschieht in den Niederlanden etwas ähnliches wie bei der BBC. Ein Lied wird nicht bekannt gemacht, sondern im Gegenteil seine Uraufführung verhindert: Facebook-Gruppen haben den Komponisten des Königslieds dazu bewogen, das Lied zurückzuziehen.

Jeder, der kommuniziert, sollte sich daher dessen bewusst sein, dass er diese Auswirkungen auch für sich nutzen kann oder dass sie eben auch auf ihn zurückfallen können. Wichtiger als viele Menschen als Fans zu gewinnen, ist daher, sie durch spannende, substantielle Inhalte zu motivieren und langfristig zu binden. Das Beispiel von „Ding Dong! The witch is dead“ zeigt, dass das möglich ist. Wenige, aber motivierte Follower sind daher wichtiger als viel Fans, die keine Aktivität zeigen. Wenn das Know-how für gezielte Social-Media-Kommunikation und Social-Media-Krisenkommunikation intern nicht vorhanden ist, sollten sich Kommunikatoren und Marketeers nicht scheuen, sich eine professionelle Agentur an Bord zu holen.

Die BBC hat ihr Dilemma übrigens gelöst, indem sie den Song zwar erwähnt, aber nicht gespielt hat.

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